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Gehörlosen-EM: Der schwäbische „Monsterblocker“ erfüllt sich einen Traum

Martin Widmann Das Silber glitzert durch die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster auf die Medaille fallen. Das Edelmetall gehört Martin Widmann. Zu sehen ist ein Emblem, das aus zwei hochspringenden Volleyballern am Netz besteht. Dass diese gehörlos sind, sieht kein Mensch. Die „Deafs“, die Gehörlosen, haben wieder einmal sportliche Hochleistungen erbracht und die Hörenden wissen es nicht einmal. Denn Ende Mai haben die Volleyballer des Deutschen Gehörlosen Sportverbandes (DGSV) bei den Europameisterschaften in Belgien die Silbermedaille gewonnen und kaum einer weiß es.

In Kappishäusern ist das anders, denn dort ist einer der deutschen Helden zu Hause. Der 25-jährige Martin Widmann, der von seinen Kollegen liebevoll „der Monsterblocker“ genannt wird, trug mit seinen tollen Leistungen maßgeblich zum Erfolg des Teams von Nationaltrainer Christian Stebel bei.

Das Jahr 2005. Martin Widmann erzählt von den Deaflympics, den Olympischen Spielen der Gehörlosen in Australien. Dort belegte er mit der deutschen Volleyballnationalmannschaft einen hervorragenden fünften Platz. Der damals 22-Jährige erklärt, dass er in zwei Jahren bei den Europameisterschaften in Belgien eine Medaille gewinnen und Elektrotechnik studieren will.

Ein Mann – ein Wort. Jetzt, im Jahr 2007, ist der Mittelblocker Vize-Europameister und seit vier Semestern Student an der Fachhochschule in Köln. Bei seinem Ehrgeiz ist das auch kein Wunder. „Tagsüber studiere ich und abends spiele ich Volleyball“, sagt Martin Widmann mit einem Lächeln auf den Lippen. Er brauche den Sport, sonst sei er so nervös. Doch bei seinem Wochenprogramm ist die Zeit knapp bemessen. Morgens sitzt er in den Vorlesungen, immer in der ersten Reihe, damit er von den Lippen des Professors ablesen kann. Denn er studiert ausschließlich mit Hörenden zusammen und will keine Extrawurst sein. Deshalb verzichtet er auch auf das Spracherkennungsprogramm, das ihm sein Vater gekauft hat. „Viele denken, Gehörlose können nicht studieren, das stimmt nicht!“, so Martin Widmann. Er selbst ist das beste Beispiel dafür. Ein Kommilitone schreibt für ihn mit, dann kann er sich auf das konzentrieren, was der Professor erklärt. Martin Widmann bezeichnet seinen Kumpel deshalb liebevoll als seine „Schreibkraft“. Mittags macht er Hausaufgaben und lernt den Stoff von morgens. Dann geht er zum Training. Zwei Mal in der Woche beim TVK Wattenscheid, einem hörenden Verein, der in der Oberliga spielt. Ein weiteres Mal trainiert er mit seinen gehörlosen Kumpels vom Gehörlosen-Turn-und-Sportverein (GTSV) Essen. Zusätzlich ist er des Öfteren am Olympiastützpunkt in Köln anzutreffen, wo er Krafttraining absolviert oder seinen Körper von Physiotherapeuten durchkneten lässt. Von nichts kommt nichts. An Wochenenden stehen dann die Punktspiele in der Oberliga auf dem Programm und ein Mal im Monat steht noch eine Partie mit Essen im Kalender. Im Februar gewann er mit seinem Essener Team in Berlin seinen dritten deutschen Meistertitel.
„Für Freunde bleibt da nur wenig Zeit“, sagt der 25-jährige ein wenig traurig. Auch seine Mutter, Gabriele Widmann, kann dies bestätigen. Seit er in Köln studiere, komme er nur noch selten nach Hause, weil der Kalender einfach zu voll sei. Doch an Pfingsten kam ihr Sohn nach Hause – mit seiner Silbermedaille und den Eindrücken der Europameisterschaft im Gepäck. Die Zuschauer trampelten mit den Füßen auf den Boden der Tribünen und das dadurch entstehende Vibrieren spürten die Akteure auf dem Spielfeld. Mit solch einer Unterstützung spielte es sich gleich viel leichter und offensichtlich auch erfolgreicher.

Martin Widmann - Nr. 14 Während des Turniers waren die Deutschen in einem tollen Vier-Sterne-Hotel in der Innenstadt von Kotrijk, dem Austragungsort der siebten Volleyball-Europameisterschaften der Gehörlosen untergebracht. „Die schmalen belgischen Häuser waren sehr schön, doch die Portionen der vornehmen Gerichte im Hotel waren viel zu klein“, erzählt der Kappishäuser. Doch nicht nur auf Grund des Essens nahm der 1,94 Meter große Schlacks vier Kilo ab, sondern auch wegen der großen Aufregung, die ihn das Turnier über erfüllte. Martin Widmann, der im Alter von drei Jahren nach einer Hirnhautentzündung sein Gehör verlor, ist sehr ehrgeizig, schließlich ist er nicht umsonst bereits fünf Jahre nach seinen ersten Volleyballversuchen Vize-Europameister.
Die siebte Europameisterschaft der Gehörlosen begann mit einer kleinen Eröffnungsfeier, bei der die verschiedenen Nationen mit ihrer Fahne einliefen. Anschließend gab es ein kleines Showprogramm, in dem Gehörlose zusammen Gitarre spielten und ein Blinder trommelte. Außerdem brachte eine Hip-Hop-Tanzgruppe die Zuschauer in Stimmung. In die moderne Halle von Kortijk passen 500 Zuschauer, die sich entweder für ein Damenspiel oder die Partie im Herrenturnier entscheiden müssen. Denn es fanden immer zwei Entscheidungen gleichzeitig an, auf der einen Seite der Trennwand schmetterten und pritschten die Damen, auf der anderen die Herren. Die deutschen Volleyballerin belegten übrigens den vierten Rang.
Herren-Trainer Christian Stebel ist hörend, genauso wie sein Co-Trainer Alexander Böhner. Deshalb ist auch immer ein Dolmetscher mit auf Reisen. Doch die Zeichen der Coaches verstehen die Spieler auch so. Auf ihren Übungsleiter sind die Volleyballer mächtig stolz. Liebevoll nennen sie ihn „Kiki“. Der 53-Jährige, der als Spieler in der zweiten Liga aktiv war und auch Frauen-Teams der ersten Bundesliga trainierte, ist ein Vorbild. „Kiki Stebel ist hoch qualifiziert“, sagt Martin Widmann stolz. Seine Arbeit trägt Früchte. Denn die Vorrunde überstanden die deutschen Männer ohne Satzverlust als Gruppenerster vor der Türkei, Weißrussland, Belgien und den punktlosen Österreichern. Im Halbfinale standen den Schützlingen von Nationaltrainer Christian Stebel dann die starken Russen gegenüber. „Die sind unberechenbar und eigentlich stärker als wir“, gibt Martin Widmann zu, „aber wir haben sie mit unserer Aggressivität und Nervenstärke besiegt“. In Australien, bei den Deaflympics vor zwei Jahren hatten die Deutschen noch mit 0:3 gegen Russland verloren. Dieses Mal gewannen Widmann und Co den ersten Satz mit 26:24, den zweiten mit 25:21. Den dritten verloren sie klar mit 8:25, weil Coach Stebel nach einem schlechten Start seinem Stammpersonal eine Pause gönnte, um im vierten Satz wieder voll angreifen zu können. Dieser Plan ging auf, nach einem 25:17 im vierten Satz stand Deutschland im Finale. „Wir hatten die russische Mauer durchbrochen“, meint der Kappishäuser stolz mit einem Funkeln in den Augen.

Doch im Finale warteten die großen Favoriten aus der Ukraine, die in Australien Deaflymipcssieger wurden. Die blau-gelben Volleyballer sind in ihrer Heimat Halbprofis und können mit ihrem Sport Geld verdienen, ganz anders als Martin Widmann, den seine Teamkameraden ehrfürchtig den „Monsterblocker“ nennen, und seine Mannschaftskameraden. Außerdem bereiteten sich die Gegner, die in ihrer Heimat sehr gut gefördert werden, wochenlang auf das Turnier vor, die Deutschen treffen sich lediglich vier Mal im Jahr zu Lehrgängen. „Das Niveau der ukrainischen Nationalmannschaft entspricht einem guten Team der zweiten deutschen Liga“, erklärt Martin und verdeutlicht die Übermacht der Ukrainer. Dennoch begannen die deutschen Volleyballer fulminant. Den ersten Satz entschieden sie mit 25:19 für sich. Doch im zweiten Satz wurde dann deutlich, wer die Übermacht im Volleyball hat. Der Favorit deklassierte Deutschland mit 25:6. Enger war es dann im dritten Durchgang, den die schwarz-rot-goldenen Vertreter mit 19:25 verloren. Entkräftet gaben sie schließlich auch den vierten Satz mit 8:25 ab und mussten sich mit dem zweiten Platz begnügen. Doch nach einer Phase der Enttäuschung – auch Martin Widmann kullerten die Tränen über die Wangen – überwog der Stolz über das Erreichte. Schließlich waren die Deutschen zum ersten Mal seit 12 Jahren wieder in einem Finale und verbesserten sich im Vergleich zur EM 2003 in München, wo sie Bronze gewannen, um einen Platz. Außerdem wurde Mannschaftskamerad Maik Fischer zum besten Libero des Turniers gewählt und Tino Götting als bester Universalspieler ausgezeichnet. „Viele waren überrascht, dass Deutschland ins Endspiel kam, aber wir haben uns eben durchgebissen“, so der 25-jährige Student. Zur Feier des Tages ging die Mannschaft dann in einen Club.

Mannschaft
Martin Widmann (Nr. 14) mit seinem Team bei der Volleyball-EM in Belgien

Trotz des tollen Erfolgs sprang für Martin Widmann und Co bisher kein Cent heraus. Das ist eine ganz andere Welt als bei den deutschen Fußballhelden, die für ihren dritten Platz bei der Weltmeisterschaft vergangenes Jahr eine Siegprämie in sechsstelliger Höhe kassierten. Der DGSV dagegen stehe gerade mit der deutschen Sporthilfe in Verhandlungen über eine kleine finanzielle Anerkennung der Silbermedaille, berichtet der 25-Jährige. Die Finanzen sind ein echtes Problem bei den gehörlosen Volleyballern. Auf Grund des zweiten Platzes bei der EM sind sie nächstes Jahr zwar für Welttitelkämpfe in Argentinien qualifiziert, doch ob sie auch hin können, muss sich erst entscheiden. Es fehlen noch Sponsoren, die die anfallenden Reisekosten bezahlen.
Auch nach Belgien war die Anreise eher bescheiden. Die Sportförderung von Volkswagen stellte Kleinbusse für die Volleyballer zur Verfügung, mit denen sie von Köln aus nach Kortijk gefahren sind. Aber all das stört Martin Widmann nicht, der selbst zugibt, von seinem Sport infiziert zu sein: „In Gesellschaft von Hörenden und Gehörlosen Volleyball zu spielen macht mir großen Spaß. Und damit komme ich auch in andere Länder, das ist toll“, erzählt der Mann mit der Nummer 14 im Nationaldress glücklich. Sport verbindet – egal, ob man hört oder nicht.

Sabine Bauknecht



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