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Als Internationaler Beachvolleyball-Schiedsrichter einmal rund um die Welt

Adelaide – Barcelona – Peking – Sochi – das waren nur einige Stationen von Marc Hagener. Seit zwölf Jahren ist er Beachvolleyball-Schiedsrichter, seit 1999 ist er auch inter-national im Einsatz. Zuvor war er bereits seit 1981 als nati-onaler Hallen-Schiedsrichter tätig. Die bisherigen Höhe-punkte seiner Laufbahn waren zwei Weltmeisterschaften, drei Europameisterschaften und 18 Worldtour-Turniere. Dieses Jahr durfte der vierzigjährige Fellbacher Unterneh-mer zu den Olympischen Spielen in Peking reisen. Als bester deutscher Beachvolleyball-Schiedsrichter wurde er vom FIVB ausgewählt, durfte das Eröffnungsspiel am ersten Tag der Olympischen Spiele leiten und kehrte mit einer Ehrenmedaille und vielen Eindrücken wieder zurück.

Marc Hagener
Mit einer Ehrenmedaille zurück aus Peking: Marc Hagener

In einem Interview erzählt er von Peking, den Olympischen Spielen und seiner Arbeit als internationaler Beachvolleyball-Schiedsrichter.

Herr Hagener, wie viele Sprachen sprechen Sie?
MH: Nur Deutsch und Englisch. Ein bisschen verstehe ich auch Italienisch und Spanisch.

Und das reicht, wenn man auf so vielen internationalen Turnieren unterwegs ist?
MH: Ja, in der Regel haben wir bei internationalen Turnieren auch einen Übersetzer, der zumindest vom englischen in die jeweilige Landessprache übersetzt. Der ist zum Beispiel beim Technical Meeting dabei und übersetzt unsere Ansagen für die Anschreiber.

Dieses Jahr durften Sie nun zum ersten Mal bei den Olympischen Spielen als Schiedsrichter mit dabei sein. Wie lief die Nominierung?
MH: Das war ein Auswahlverfahren. Ein Schiedsrichter bekommt nach jedem internationalen Turnier vom Einsatzleiter eine offizielle Bewertung. Daraus ergibt sich für jeden Schiedsrichter ein Notendurchschnitt und ein Ranking. Diese Daten gehen an den FIVB Referee Commissioner (Schiedsrichter Haupteinsatzleiter) José Casanova. Anhand dessen erstellt er zunächst eine Liste mit 30-40 Namen von möglichen Kandidaten für Olympia. Über einen Zeitraum von 1,5 bis 2 Jahren werden dann Namen aussortiert, sodass am Ende nur eine kleine Zahl der Schiedsrichter steht, die zu den Olympischen Spielen nominiert werden. Um hier dabei zu sein, muss man konstant über mindestens zwei, drei Jahre gute Leistung bringen.

Wie haben Sie erfahren, dass Sie nominiert wurden?
MH: Im Dezember kam die offizielle Anfrage von der FIVB, ob ich für die Olympischen Spiele generell zur Verfügung stehen würde. Die offizielle Nominierung habe ich auf dem Rückflug von Australien bei einem kurzen Zwischenstopp in Singapur erfahren. Da bekam ich eine SMS von einem Schweizer Kollegen: „Wir haben´s geschafft“. Dann musste ich leider erst noch lange zehn Stunden warten, bis der Flieger wieder gelandet war und konnte erst dann genauer nachsehen, was er damit gemeint hatte: Unsere Namen standen auf der Schiedsrichterliste für die Olympischen Spiele.

Als Schiedsrichter können Sie keine Medaille gewinnen. Was war Ihre Motivation?
MH: Ja, ich kann nichts gewinnen, aber schon allein, an den Spielen teilnehmen zu können, ist das Größte, was einem passieren kann. Zum Schluss haben wir außerdem auch noch alle eine Ehrenmedaille bekommen.

Hagener
Stets genau hingucken, damit es keine kritischen Entscheidungen gab - viel Zeit für Sightseeing blieb da nicht.

Wie viele Spiele haben Sie in Peking gepfiffen?
MH: Insgesamt hatte ich zehn Einsätze und war bei acht Spielen als Reserveschiedsrichter eingeteilt. Für mich persönlich war das ein bisschen wenig. Dies kam aber dadurch zustande, dass ich keine Spiele mit deutscher Beteiligung pfeifen durfte, aber auch keine Gruppengegner oder mögliche spätere Gegner der deutschen Teams. Ab Viertelfinals gab es dann noch Kontinentalneutralität, d.h. ich durfte auch kein Spiel mit europäischem Team schiedsen. Ich hätte sehr gerne ein Halbfinale oder natürlich auch das Finale gepfiffen. Das wäre dann noch das I-Tüpfelchen gewesen.

Wir war die Stimmung vor Ort?
MH: Die war gut. Am Interessantesten waren die Spiele mit chinesischer Beteiligung. Mit bis zu 12.000 Zuschauern war da eine sehr gute Stimmung. Die Spiele ohne chinesische Beteiligung waren leider deutlich weniger besucht, so 2000 bis 3000 Zuschauer im Schnitt. Das war auch für mich ziemlich ungewohnt, denn ich kenne Turniere eigentlich nur mit vollen Rängen - sofern es nicht in Strömen regnet. Das war ein bisschen schade.

Was war Ihr schönstes Spiel?
MH: Das erste Spiel. Ich durfte die Olympischen Spiele eröffnen. Beachvolleyball war die erste Sportart am Tag nach der Eröffnungsfeier und wurde morgens um neun weltweit übertragen. Es war toll, dass ich als Neuling bei meinen ersten Olympischen Spielen das erste Spiel als erster Schiedsrichter leiten durfte.

Beacharena in Peking
Bei Spielen mit chinesischer Beteiligung waren die Zuschauertribünen stets voll besetzt.

Gab es während der Spiele auch mal eine kritische Entscheidung für Sie?
MH: Nein, das war etwas außergewöhnlich bei diesem Turnier. Bei mir gab es gar keine Beanstandungen und generell gab es nur zwei kritische Entscheidungen. Es war als Schiedsrichter ein sehr, sehr ruhiges Turnier. Die Qualifikationen waren da schon spannender.
Der ausgeschiedene FIVB-Präsident Ruben Acosta kam sogar am Ende der Spiele zu uns und hat sich bei jedem persönlich bedankt und sagte, dass er noch nie ein so gutes Turnier erlebt hätte.

Wie sah Ihr Tagesablauf in Peking aus?
MH: Wir mussten jeden Morgen um halb sechs aufstehen, da war also nichts mit Urlaub. Dann frühstücken, mit dem Bus zum Beachcourt, viertel vor acht Einsatzbesprechung, um neun startete das erste Spiel. Dann war ich bis halb fünf vor Ort, danach ins Hotel, essen, ausruhen. Gerade am Anfang war man abends dann einfach nur noch müde. Die Luftfeuchtigkeit war sehr hoch, es war enorm schwül.

Da blieb nicht viel Zeit für Sightseeing?
MH: Während der letzten Tage war ich leider nicht mehr so viel im Einsatz. Die Halbfinals und Finals gingen auch nur bis vierzehn Uhr. Insofern hatten wir dann Zeit die Chinesische Mauer, den Platz des Himmlischen Friedens, verschiedene Tempel und die Verbotene Stadt anzusehen und auch noch ein bisschen zu shoppen.

Wie sieht es generell aus bei Ihren internationalen Einsätzen? Sie kommen viel herum, sehen Sie auch etwas von den Orten, in denen Sie sind?
MH: Wenig. Man ist ja die ganze Woche im Einsatz. Bei einem Worldtour-Event sind das meistens zwischen 20 und 24 Spiele pro Woche. Beachvolleyball-Schiedsrichter ist nicht nur viel Sonne und gute Laune, sondern es ist auch mit sehr, sehr viel Arbeit verbunden. Man ist praktisch morgens der erste und abends der letzte, der vom Court geht. Bei internationalen Turnieren hat man durchschnittlich sechs bis acht Spiele und ist zwölf bis vierzehn Stunden im Einsatz. Vielleicht hat man am An- und Abreisetag noch ein bisschen Zeit, sich etwas anzusehen. Ansonsten kriegt man nicht viel mit.

Wie waren Sie in Peking untergebracht?
MH: Wir waren in einem schönen Hotel, zehn Minuten vom Einsatzort entfernt, zusammen mit den anderen Beach-Schiedsrichtern untergebracht. Es ist sehr strikt getrennt worden. Funktionäre, Schiedsrichter usw. in Hotels, Spieler im Olympischen Dorf. Ich habe mir vierzehn Tage mit einem Mexikaner das Zimmer geteilt. Das wurde auch zugeteilt und durfte nicht getauscht werden.

Wie war der Kontakt zu den Spielern?
MH: Es gab nur wenig Kontakt und es wurde auch nicht gerne gesehen. Das war anders, als bei anderen Turnieren, wo wir ja doch immer engen Kontakt zu den Spielern haben. Meistens ist man im selben Hotel untergebracht, trifft sich abends beim essen, feiert zusammen und kennt sich mit der Zeit auch sehr gut. Es ist eine große Familie.

Ein Wort zum Abschneiden der deutschen Beachvolleyball-Teams bei den Olympischen Spielen?
MH: Enttäuschend. Brink/Dieckmann habe ich schon wesentlich besser spielen sehen und Goller/Ludwig hätten sicherlich auch mehr rausholen können. Aber sie sind irgendwie nicht ins Spiel gekommen, haben nie ihre Leistung voll abrufen können. Die Spieler waren selbst auch sehr enttäuscht von sich.

Welche Eindrücke haben Sie aus Peking sonst noch mitgebracht?
MH: Die Organisation war hervorragend. Es war alles perfekt organisiert. Fast schon beängstigend perfekt. Es gab sehr strenge Sicherheitskontrollen. Das war jetzt aber nichts Peking-Spezifisches, das ist grundsätzlich bei den Olympischen Spielen so. Seltsam war, dass ich zum Beispiel in den ganzen zweieinhalb Wochen keinen einzigen LKW gesehen habe. Ich weiß nicht, wie das logistisch alles gemeistert wurde. Auf den Straßen waren großteils Busse und Taxen unterwegs und nur wenige private PKW. Es gab eine eigene Olympia-Fahrspur, wenn da jemand ohne Berechtigung drauf fuhr, war er seinen Führerschein los.

Was war Ihr schönstes Olympia-Erlebnis?
MH: Das war die Eröffnungsfeier. Die ganze Organisation und Logistik war so beeindruckend! Wir wurden mit Bussen vom Hotel abgeholt, mussten durch eine Sicherheitskontrolle und haben dann auf die anderen Busse gewartet. Dann sind wir mit fünfzig Bussen und Polizeieskorte zum Olympiastadion gefahren. Insgesamt waren dort zum Schluss über 1300 Busse! Wir sind nicht mit den Mannschaften eingelaufen, weil wir ja nicht vom NOC, sondern vom Weltverband eingeladen worden waren. Aber wir hatten sehr schöne Plätze und es war eine sehr schöne, stimmungsvolle Veranstaltung. Es war beeindruckend, wie tausende von Menschen, zeitgleich alle genau dasselbe machen.

Sie waren dieses Jahr sehr viel unterwegs. Was sagt Ihre Familie, wenn Sie so viel unterwegs sind?
MH: Dieses Jahr war ich insgesamt zehn Wochen unterwegs. Das ist eine Menge und ohne die Unterstützung meines Partners (Anm. d. Red. Marc Hagener leitet zusammen mit seinem Partner Michael Vösgen die Tricept AG) und die Rücksicht meiner Familie und meiner Lebenspartnerin wäre das sicherlich nicht möglich gewesen. Meine Familie ist einerseits natürlich stolz, andererseits leidet sie auch darunter, dass ich so viel unterwegs bin. Zu den Turnieren der World Tour darf ich meine Familie auch gar nicht mitnehmen. Das wird sogar vertraglich untersagt.

Wie sind Sie Beach-Schiri geworden?
MH: Da bin ich eher zufällig reingerutscht. Ich war damals Hallenschiedsrichter. Der TSV Schmiden hat ein großes Masters-Turnier ausgerichtet und im Rahmen dieses Turniers fand auch ein Schiedsrichter-Lehrgang statt, den ich damals – ich war ehrenamtlich für den TSV Schmiden tätig – mit organisiert habe. Und dann habe ich da auch gleich mitgemacht. Damals habe ich selber auch noch Beachvolleyball gespielt und so habe ich mich von Turnier zu Turnier hochgearbeitet. Es war nicht geplant, das kam alles eher zufällig.

Was sollte jemand mitbringen, der als internationaler Beachvolleyball-Schiedsrichter arbeiten möchte?
MH: Gutes Englisch ist wichtig. Er braucht eine sehr gute Beobachtungsgabe und muss gut und schnell reagieren und kommunizieren können. Er sollte neutral sein und sich selbst nicht so wichtig nehmen. Man soll das Spiel managen und nicht leiten. Das macht für mich einen guten Schiedsrichter aus. Der bestes Schiedsrichter ist der, den die Spieler nach dem Spiel gar nicht mehr kennen.

Gibt es Nachwuchsprobleme bei den Beachvolleyball-Schiedsrichtern?
MH: Nein, eigentlich nicht. International gibt es gar keine Probleme. Die internationalen Kurse sind sehr gut besucht, es gibt genügend, die das machen wollen. In Deutschland sieht es meines Wissens auch recht gut aus.

Was war Ihr interessantester Einsatzort?
MH: Der interessanteste Einsatzort waren sicherlich die Olympischen Spiele in Peking. Aber mein Lieblingseinsatzort ist nach wie vor Timmendorfer Strand. Es ist für mich das schönste Turnier mit einer ganz besonderen Stimmung und einem fantastischen, volleyballverrückten Publikum. Da ist direkt morgens vom ersten Spiel an das Stadion voll und die Stimmung ist auch gut, wenn es regnet und das Wetter nicht so schön ist. Man merkt, das Publikum ist einfach da, steht hinter dem Sport. Das aufwendigste Turnier war in Adelaide (Australien). Meine Anreise dauerte insgesamt 39 Stunden und ich hatte sieben Zwischenstopps. Das war sehr chaotisch.

Hagener
Schiedsrichter bei den Olympischen Spielen 2008 - Vielleicht 2012 ja wieder?

Zu guter Letzt: Lohnt sich der Stress?
MH: Ja, es lohnt sich. Man kann dieses Pensum, das ich in den letzten Monaten absolviert habe, natürlich nicht jedes Jahr machen. Das geht einmal für Olympia, vielleicht auch noch ein zweites Mal. Aber ansonsten wird es zu zeitintensiv. Allerdings, ein zweites Mal zu den Olympischen Spielen könnte ich mir schon vorstellen.

Herr Hagener, ich danke Ihnen für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute.

Interview: Sybille Baecker
(Fotos: Privat)



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